Das ganze Leben ist ein Quiz…

Unlängst habe ich einen Artikel darüber gelesen, wie wichtig das Vorlesen für Kinder ist. Und dass wir bloß nicht aufhören sollen damit, sobald die Kinder in der Schule selbst lesen lernen. Weil Vorlesen mehr ist, als nur eine Geschichte.
Viele Eltern sind daher sehr engagiert und fangen früh an, mit ihren Kindern Bücher anzuschauen. Nur wird bei vielem aus dieser gemeinsamen Zeit ein Quiz. Und das Bücheranschauen zur Lektion.

Sobald das Kind nämlich beginnt erste Wörter zu formulieren, wird ihm nicht mehr nur erzählt, was was ist. Es wird geprüft, ob es das nun selbst weiß. UND ob es das auch sagen kann. Und will. So wird ein Bilderbuch durchgeblättert und auf jeder Seite aufs neue der Zeigefinger angesetzt: „Und was ist das?“ Anfangs antworten die Kinder noch stolz. Viele reagieren irgendwann gar nicht. Manche sagen (absichtlich) etwas komplett anderes. Weil sie auch schon mit den Gedanken wieder ganz woanders sind.

Auch ein Besuch im Zoo, im Wald oder einfach nur auf dem Spielplatz wird zur Quizshow. „Was ist das?“ „Welche Farbe hat das Auto?“ „Wie macht die Katze?“
Warum tun wir Eltern das? Warum stellen wir unsere Kinder so früh schon auf den Prüfstand?
Vieles ist sicher Unsicherheit. Wir wollen schließlich, dass unsere Kinder lernen und Grundlagen schaffen für noch mehr Wissen. Letztendlich fühlen wir uns verantwortlich für das, was aus unseren Kindern wird.
Zum anderen wollen wir unser eigenes Wissen weitergeben. Und das, was wir für wichtig halten, auch ihnen vermitteln.

Ich erinnere mich an Ausflüge mit meinem Vater. Pilze sammeln im Wald oder ein Besuch im heimischen Tierpark. Sie waren immer gespickt von Fragen. „Was ist das für ein Pilz?“ „Wie heißt dieser Vogel?“ Ja besonders die Vögel hatten es ihm angetan. Amsel, Spatz, Schwalbe, Rotkehlchen. Manchmal glaubte ich die Antwort zu wissen, aber aus Angst, falsch zu antworten, sagte ich meist, dass ich es nicht weiß. Wie auch immer – mein Vater war entsetzt: „Aber Nadine. Das musst Du doch wissen!“ Und ich fiel innerlich zusammen. Nicht, weil ich es nicht wusste, sondern weil ich meinen Vater so enttäuscht hatte.

Wieder einmal fehlt uns das nötige Vertrauen, dass die Kinder lernen. Dabei saugen gerade die 0-6 jährigen ALLES auf wie ein Schwamm. Sie filtern kaum und oft sind wir überrascht, wenn wir hören, woran sie sich erinnern. Dass die Kuh auf dem Bauernhof, den wir vor 4 Monaten besuchten, Simone heißt. Dass jede A-Klasse auf der Straße ein „Opa-Auto“ ist, obwohl wir damit zum letzten Mal vor einem halben Jahr unterwegs waren.
Welches seiner Bücher von Oma ist, welches Auto wo gekauft oder von wem geschenkt wurde. Welche Frau, die die Krippe betritt, welches Kind abholt. Ich kann mit Herrn Klein keinen Bogen um einen Spielplatz machen, weil er schon genau weiß, dass wir nur hier entlang oder dort einbiegen müssten, um genau dort hin zu kommen. Er kennt sich aus. Findet im Hofer die Milch und kennt die Haltestellen der täglichen Ubahn- und Busfahrten. Sein Gedächtnis frustriert mich oft, weil ich immer und immer wieder erkenne, wie meines mich im Stich lässt. Wenn er mir in zerstückelten Sätzen von Erlebnissen berichtet, bin ich gefordert herauszufinden WAS er sagt und um WELCHES Ereignis es sich handelt. Er bildet Zusammenhänge, die mich staunen lassen. Wenn er bei jedem Nilpferd vom „Saubermachen“ redet, weil er beim letzten Zoobesuch mit seinem Papa zugeschaut hat, wie die Pfleger den Nilpferden den Mund gespült haben.
Muss ich ihn da wirklich noch abends fragen, welches Tier aus dem Buch schaut? Welche Farbe der Bus hat oder – weil er ja nun begonnen hat zu zählen – wie viele kleine Küken der Henne hinterherlaufen?

Stattdessen kann ich einfach darauf vertrauen, dass er das all das weiß oder lernen wird. So es ihn interessiert. Ich kann mit ihm einfach Bücher anschauen und die Zweisamkeit genießen. Genau die, die so wichtig ist und wohl der Hintergrund unserer langen Bücherzeit am Abend. Nachdem er den Großteil des Tages in der Krippe verbracht hat und „gelernt“ hat. Oder „gepielt“, wie er sagt.

„Im gemeinsamen Tun erleben Kinder etwas, was sie nicht erleben, wenn sie unterrichtet werden und wir ihnen mit den besten Absichten und den ausgefeiltesten didaktischen Verfahren etwas beizubringen versuchen. Sie erleben Glück in der Gemeinschaft, ein Gefühl, das sie aus der Gemeinschaft mit der Mutter, in der dunklen sicheren Höhle, schon kennen. Diese Erfüllung entsteht, weil in diesem gemeinsamen Tun ihr wichtigstes Bedürfnis gestillt wird: verbunden zu sein und in dieser Verbundenheit zu wachsen. Um frei zu sein und autonom zu werden.
Märchenstunden etwa, das Erzählen von Geschichten, sind die höchste Form des Unterrichtens. Denn Lernen gelingt am besten, wenn die emotionalen Zentren im Gehirn aktiviert und all jene Botenstoffe freigesetzt werden, die das Knüpfen neuer Verbundungen zwischen den Nervenzellen fördern.“ (aus „Jedes Kind ist hochbegabt“ von Gerald Hüther)

Wieder kann ich nur Maria Montessori zitieren, die sagte: „Ein Kind kann nicht nicht lernen.“

Wer dennoch glaubt, einem Kind müsse man Dinge beibringen und durch Abfragen und Prüfen das Wissen in den Kopf trichtern, dem empfehle ich einen Abschweif in die eigene Schulzeit. Wo wir uns auch nicht für jede gewusste Antwort gemeldet haben. Weil uns die Frage vielleicht zu banal erschien, wir zu faul waren oder das Thema uns gar nicht sonderlich interessiert hat. Oder aus anderen unerfindlichen Gründen.

Denn auch wenn mein Vater mich immer wieder bezüglich der heimischen Vögel ausgequetscht hat. Ich habe sie nie „gelernt“. Sie haben mich schlichtweg nie interessiert und ich habe dieses Wissen nie gebraucht. Außer in den unangenehmen Situationen mit meinem Vater im Wald. Und ist es nicht traurig, dass genau die in meiner Erinnerung hängengeblieben sind?

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